Was ist Systemisches Theater?


Foto Anja Püchel // https://www.organja.de/

Systemisches Theater ist eine Form des Communitytheaters, das auf der Grundlage systemischen Denkens und Handelns Selbsterfahrung (persönliche Entwicklung), politische Theaterarbeit und die Schaffung künstlerisch-dialogischer Aufführungen verbindet.

 

Systemisches Theater ist gemeinschaftsbildend, ermöglicht altersübergreifenden und transkulturellen Dialog und fördert kollektives Lernen. Es verbindet unterschiedliche Methoden und Sichtweisen aus verschiedenen künstlerischen und psychosozialen Bereichen:

Systemisches Theater setzt sich zusammen aus 3 Bereichen:

 

(1) Die Gruppe als System

 

Hier geht es um die direkte Erfahrung mit der Gruppe und die Beobachtung dessen, was im Hier und Jetzt zwischen den Teilnehmenden passiert. Wie wird miteinander interagiert? Welche persönlichen Tendenzen machen sich sichtbar? Die Teilnehmenden dienen einander als Spiegel, um sich in den Erzählungen und Erfahrungen der jeweils Anderen wiederzufinden.

 

Ziele: Selbsterfahrung. Ergründung eigener, inherenter Ressourcen. Austausch und Begegnung. Gruppen- bzw. Gemeinschaftsbildung.

Anwendungsbereich: Communitybuilding, Teambuilding, Intervision, Supervision

 

(2) Die Biographie als System

 

Hier geht es um die Anknüpfung an die eigene Lebensgeschichte. Die Teilnehmenden ist eingeladen, biographische Erfahrungen und Prägungen durch Selbsterfahrung zu erkunden. Themen, Geschichten und Erfahrungen aus dem eigenen Leben werden in Form von Gesprächen, Texten, Körperbildern und anderen künstlerischen Ausdrucksformen geteilt. Die Gruppe dient hier der Bezeugung der unterschiedlichen Lebensgeschichten.

 

Ziele: Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit. Schaffung neuer Perspektiven. Selbsterfahrung und Begegnung. Erkundung biographischer Ressourcen und potentieller Entwicklungsschritte. Erforschung und (möglicherweise) Anpassung der eigenen Erzählung. Kennenlernen anderer Biographien. Stärkung empathischer und gewaltfreier Fähigkeiten.

Anwendungsbereich: Communitybuilding, Teambuilding, Mediation, Beratung und Therapie

 

(3) Das Kollektiv als System

 

Hier geht es um die Geschichten, die wir miteinander teilen. Krisen und Konflikte, in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Ausgesprochene und unausgesprochene Erfahrungen, die Teil der Familien- und/oder Kollektivgeschichte sind; existentielle Geschichten und Themen, die auch heute mit und in den Teilnehmenden resonieren und sie beeinflussen.

 

Ziele: Kollektivgeschichten erforschen, Suche nach neuen und gesunden Handlungs- und Veränderungsimpulsen, Stärkung der Resilienzfähigkeit, Auseinandersetzung mit Abgrenzung, Aussöhnung und Befreiung

Anwendungsbereich: Mediation und Konfliktforschung, dialogkreierende Projekte, Friedensprojekte, Geschichtsforschung, Aktivismus

 

Systemisches Theater

 

Systemisches Theater vereint diese 3 Bestandteile, um Individuen, Gruppen und Gemeinschaften dabei zu unterstützen, dialogische und interaktive Communitytheater-Aufführungen aufzubauen. In einem Prozess, der gemeinsam von Gruppenleitung und Gruppe gestaltet wird, werden Ressourcen und Veränderungsideen erkundet – wobei das Irren und lustvolle Scheitern essentielle Bausteine dieses Prozesses sind.

 

Systemisches Theater betrachtet jede Person als Teil eines Systems. Ziel ist die Verbindung des Persönlichen und des Kollektiven, des Therapeutischen (im Sinne des Heilsamen) und des Politischen - und nach Wegen individueller und kollektiver Entwicklung zu suchen. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Wirklichkeiten der Teilnehmenden sowie ihre Interaktionen und Wechselwirkungen sind dabei ein essentieller Bestandteil.

 

Durch die entstehenden Aufführungen soll die Möglichkeit geschaffen werden, den Dialog auf größere Gemeinschaften (Nachbarschaften, Gruppen, Kollegen und Kolleginnen, etc.) auszuweiten.

 

Methoden

 

Neben Methoden aus dem Bereich systemischer Beratung und Therapie werden Angebote und Übungen aus den folgenden methodischen Bereichen genutzt:

 

Theater der Unterdrückten (u.a. Forumtheater)

Die von Augusto Boal geschaffenen Methoden des Theaters der Unterdrückten sind Dialogtheatermethoden, die Gruppen ein gemeinsames Lernen und Forschen ermöglichen. Über Theater werden innere und äußere Unterdrückungssysteme verbildlicht, sodass gemeinschaftlich nach neuen Handlungsmöglichkeiten gesucht werden kann.

 

Theatre for Living

Die von David Diamond geschaffene Erweiterung des Theaters der Unterdrückten nutzt einen systemischen Ansatz, um soziale und politische Probleme komplexer betrachten zu können. Diese Form des Communitytheaters betrachtet Gemeinschaften als System, in dem alle Beteiligten eigene Krisen und Konflikten erfahren und zugleich zum Erhalt anderer Krisen und Konflikte beitragen.

 

Theatre of Witness

Diese von Teya Sepinuck im Playhouse Derry geschaffene Methode nutzt das Publikum als "Zeugen" der Erzählungen und Geschichten, die die Schauspielenden auf der Bühne teilen. Die Teilnehmenden der Projekte kommen oftmals aus verfeindeten und polarisierten Gemeinschaften - das Suchen kollektiver und verbindender Themen soll es ermöglichen, versöhnende Schritte aufeinander zuzugehen.

 

Theatertherapie

Nutzt die ungeheure Kraft von Märchen, Mythen und anderen Geschichten, um sich von sich selbst distanzieren zu können und zugleich in universellen, menschlichen Erzählungen wiederzufinden. Sie erlaubt die sichere Erforschung unseres Rollen- und Handlungsrepertoires innerhalb der dramatischen Realität.